Geschichte der Wolgadeutschen

CARLBLOM Wilhelm Gustav Johannes (10. Dezember 1820, St. Mattäi – Järva-Madise, Estland – 22. September 1875, Moskau), evangelisch-lutherischer Pfarrer, General-Superintendenten des Moskauer Konsistorialbezirks (1864-1875), Dr. Theologie.

Der Sohn des Pastors der estnischen Kirchspiel Nuckö (heute Noarootsi) Peter Carlblom und Maria Lithander. Die Carlbloms stammten aus Schweden. Wie die Familienlegende berichtet, soll einst ein junger Bauernsohn mit dem Namen „Carl“ aus dem schwedischen Dorf „Blom“ in die Stadt Uppsala ge¬wandert sein, um an der Universität dort Theologie zu studieren. Sein Vater, der Bauer, hat ihm eine Kuh mit auf den Weg gegeben haben, um sich durch den Verkauf der Kuh das Studium zu finanzieren. Die nachfolgenden Generationen der Carlbloms studierten auch an den Universitäten Riga und Dorpat Theologie und Philologie und etliche Pastoren dieses Namens waren im Baltikum und in Rußland tätig. Der erste aktenkundige Vorfahre der Carlbloms war ein Jonas (1725-1785), geboren in Schweden, der 1746-1749 an der Universität Abo studiert und später nach Helsingfors (das damals zu Schweden gehörte) und 1752 nach Estland gewandert ist. Er blieb im Kirchspiel Nuckö (heute Noarootsi an der Meerküste zwischen Haapsalu und Tallinn), im Verzeichnis der Prediger dieser Gemeinde wird er für die Jahre 1755 bis 1774 genannt. Hier gründete er eine Familie, sein Sohn und weitere Nachfahren setzten die Tradition fort, das Kirchspiel blieb mehr als 100 Jahre von den Carlbloms besetzt, bis 1861. Obwohl Wilhelm Carlblom in St. Mattäi (heute Järva-Madise) geboren wurde, verbrachte er viele Jahre seiner Kindheit in Nücko, wo es keine Schule gab. Der Kna¬be wurde vom Vater unterrichtet. Seine Eltern lebten, bestimmt durch die zunehmende Krankheit des Vaters, bei Reval, dann in der Nähe von Helsingfors, darauf wechselnd in Reval und Nuckö, zuletzt in Kronstadt, wo der Vater auch starb. Die späteren Schuljahre absolvierte Wilhelm an der St. Petri-Schule in St. Petersburg, wo ihm ein Vetter eine Freistelle besorgt hatte. 1838-1843 studierte er Theologie in Dorpat bei dem Professor Andreas Caspar Friedrich Busch, dem Bruder von Eduard Heinrich von Busch und absolvierte das Studium mit einer Goldenen Medaille und dem Titel des Kandidaten der Theologie. Bis Ende 1846 war er als Hauslehrer auf verschie¬denen Gütern in der Nähe von Dorpat tätig. Am 12. Januar 1847 erhält er in der St. Michaelis-Kirche zu St. Petersburg die Ordination für die Gemeinde in Arcis, Kreis Akkerman in Bessarabien, die von deutschen Einwanderern 1820 gegründet wurde, und am 30. März wird er in seinem neuen Amtskreis ordiniert. „Mit ganzer Seele gab sich Carlblom der amtlichen Tätigkeit hin“, schrieb ein Chronist jener Zeit. Er bemühte sich, „mit der Predigt von der Kanzel die Kirchgänger zu erreichen, er suchte seine Gemeindemitglieder in ihren Häusern auf, wo er sich über Hausandacht, Bibellesen, Verhältnis zwischen Ehegatten, Kinder¬erziehung, Unglaube, Aberglaube und anderes mehr unterhielt. Wenn er nicht erwartete Erfahrungen machen mußte, daß seine besten Absichten auf Mißverständnisse und Hindernisse stießen, so verstand er dafür die richtige Erklärung in dem Bildungsgrad seiner ihm anvertrauten Pfarrkinder und in ihrer ehrlichen Ängstlichkeit vor Neuerungen zu finden.“

Nach zwei Jahren, am 13. Mai 1849, heiratete er Luise Busch, die Tochter des Professors Andreas Caspar Friedrich Busch. Im Jahr 1852 folgte Carlblom dem Ruf nach Koddaffer, in die Nähe von Dorpat. Jetzt suchte er mehr als zuvor den Kontakt mit alten Bekannten wie mit befreundeten Männern der Wissenschaft an der nahe gelegenen Uni¬versität, galten doch seine Interessen auch wissenschaftlichen Ab¬handlungen. Er schrieb über praktische Fragen, die ihm im tägli¬chen Leben in seiner Gemeinde begegneten, und zu denen er eigene Antworten finden mußte. Auf den Synoden, den regelmäßig stattfin¬denden Kirchenversammlungen, trug er seine Überlegungen vor, zum Beispiel „Über den Begriff der Kirche, insonderheit die Behand¬lung desselben im Volksunterricht“ (1854), oder über Probleme der Ehescheidung (1858). Durch Publikationen und Besprechungen von Veröffentlichungen beteiligte er sich an den unter den Theologen seiner Zeit geführten Diskussionen, von seiner Seite immer mit einem konkreten Bezug zur Wirklichkeit. Im Jahre 1860 wurde Сarlblom zum Ober-Konsistorialrat ernannt, ein Amt, das alle drei Jahre neu besetzt wurde. Dann wurde er als Kandidat für die vakante Stelle des General-Superintendenten in Moskau empfohlen und im folgenden Jahr, 1864, trat er dieses Amt an. „Am 16. Februar 1864 fand in der St. Petri-Pauli Kirche in Moskau die feierliche Einführung des neuen Oberhirten statt. Erwartungen, die im Hinblick auf ihn damals gehegt wurden, sind in Erfüllung gegangen. Trefflich gerüstet durch vieljährige und vielseitige, in zwei Konsistorialbezirken (in dem Livländischen und in dem St. Petersburger) und in der geistlichen Oberbehörde (als Ober-Konsistorialrat) gesammelten Erfahrungen betrat Carlblom in einem dritten ausgedehnten Konsistorialbezirk, dem ausgedehntesten unserer lutherischen Kirche Rußlands, ein neues Arbeitsfeld, das nicht immer bei heiterem Himmel und mildem Wetter, sondern wohl die meiste Zeit unter des Tages Last und Hitze zu bestellen war.“ So wird über ihn berichtet.

Zu dem Moskauer Konsistorialbezirk gehörten rund 41 Millionen Menschen, etwa 312 000 Quadratmeilen umfassten 52 Kirchspiele im Gouvernement – bis in Sibirien und Teile des Transkaukasiens – sowohl auch die Deutschen Kolonien an der Wolga und das Sektenwesen in den Wolga-Kolonien. Der General-Superintendent hatte also von Moskau aus diesen gewaltigen Bezirk zu bereisen, die größeren Gemeinden zu besuchen, Streitfälle zu schlichten, wichtige Amtshandlungen vorzunehmen und die kirchliche Ordnung zu kontrollieren. Es gehörte schon ein gewichtiges Maß an Disziplin, Einsatz¬bereitschaft und ein starker Wille zu einem vorbehaltlosen Dienst an der Gemeinde dazu, um eine solche Aufgabe auf sich zu nehmen, besonders, wenn man die konkreten Lebensbedingungen zu jener Zeit nicht vergißt – die Weite des russischen Landes und die Möglich¬keiten des Verkehrs zwischen den Orten, im Sommer wie im Winter. Wilhelm Carlblom hatte zehn Jahre dieses Amt inne. Auf den amtlichen, regelmäßigen Inspektionsreisen durch die zum Konsistorialbezirk gehörenden Ge¬meinden begleitete ihn gewöhnlich seine Frau Luise, so auch nach Georgien im August 1866, um im Auftrag des General-Konsistoriums von Moskau in Schemacha „die Art und Weise, wie jene Armenier in den Schoß der Lutherischen Kirche aufzunehmen seien, in entsprechende Ausführung zu bringen“. Ende des Monats reiste er zurück, machte in Tiflis Station und wurde dort „von Seiner Kaiserlichen Hoheit, dem Großfürsten Statthalter Michail Nikolajewitsch in Audienz empfangen“, der ihm seinen Dank für die vollzogene Handlung aussprach. Am 12. Januar 1872, zu seinem 25. Amtsjubiläum, hat er „viele Beweise der Anerkennung, der Hochachtung, der Liebe von der Obrigkeit, den Gemeinden, verschiedenen Vereinen, den Pastoren und Freunden“ erhalten, wie es mitgeteilt wurde und „Die Theologische Fakultät der Universität Dorpat ließ ihm das Diplom eines Doktors der Theologie überrei¬chen.“

Kurze Zeit darauf begann ein Leiden (Leberkrebs), das drei Jahre später, am 22. September 1875 zu seinem Tod führte. Unter großem Anteil der Gemeinden wurde Wilhelm Carlblom am 26. September 1875 auf dem St. Michaelis-Friedhof beigesetzt. Die Trauerfeier fand in der Kirche dieser Gemeinde statt, zu der er ja auch gehört hatte. „Eine zahlreiche Versammlung füllte die schwarz bekleide¬ten, von Kerzen erhellten Räume des ehrwürdigen Gotteshauses. Unter den vielen, die erschienen waren, dem Verewigten die letzte Ehre zu erweisen, befand sich auch Seine Erlaucht, der Moskau¬er General-Gouverneur, Fürst Dolgorukow“, berichtet die Überliefe¬rung. In den letzten Worten am Grabe priesen Freunde und Amtsbrüder die Klarheit seines Charakters, sein schlichtes Wesen und seine Treue zu den ihm anvertrauten Menschen. „Er war frei von Menschenfurcht und Menschengefälligkeit, von all dem, was sich bei hoher Stellung gerade so leicht eine Stätte sucht im schwachen Menschenherzen.“ Das waren die Worte vom Pastor P. Everth.

Die Verdienste von Wilhelm Carlblom wurden mit solchen Auszeichnungen belohnt wie „Kreuz und Medaille zur Erinnerung an die Kriegsjahre 1853-1856“; „Goldenes Prediger-Brustkreuz“ (1863); „St. Annen-Orden“ 3. Klasse (1866); „St. Annen-Orden“ 2. Klasse mit Kaiserkrone (1869); „St. Wladimir-Orden“ 3. Klasse (1872); „St. Stanislaus-Orden“ 1. Klasse (1875).

Quellen: 1) Voigt, E. Dr. Wilhelm Carlblom (1820–1875). Eine familiengeschichtliche Studie; 2) Фогт Э. Д-р Вильгельм Карлблом (1820–1875). Изучение семейной истории; 3) Amburger, E. Die Pastoren Der Evangelischen Kirchen Russlands: Vom Ende des 16. Jahrhunderts bis 1937. Ein biographisches Lexikon. Martin-Luther-Verlag, Erlangen; Verlag Nordostdeutsches Kulturwerk, Lüneburg, 1998; 4) Erik-Amburger-Datenbank. „Ausländer im vorrevolutionären Russland”.

Dr. Erika Voigt (Berlin).