Geschichte der Wolgadeutschen

JOHANSEN Eduard Heinrich (28. Februar 1831, Takfer, Estland – 1. Juli 1912, Kellomäki, Finnland), evangelisch-lutherischer Pfarrer.

Sohn des Verwalters in Wiek Friedrich Johannsen und Anna Ulrike geb. Simberg. Die Familie Johansen hatte 6 Kinder. Eduard war kaum zwei Jahre alt als seine Mutter sich mit Milzbrand von einer toten Kuh ansteckte und starb. Kurz darauf heiratete der Vater Char­lotte Steinsberg, die Tochter des Verwalters von Rosenha­gen. Sie wurde an der Revaler Töchterschule ausgebildet und zeigte sich als liebevolle, vortreffliche Mutter der sechs Stiefkinder. In der Familie wurden noch 2 Töchter geboren, bald aber starb der Vater und die Witwe ging mit den Kindern nach Reval, wo sie zuerst eine Stelle als Hausmeisterin an der Töchterschule bekam und später Leiterin der Elementarschule wurde. Die erste Schule des künftigen Pfarrers war die Elementarschule des Lehrers Walkers. Später ging er in die Kreisschule, die vom Inspektor Hippius geleitet wurde und ab 1847 bis 1851 besuchte er das Revalsche Gymnasium, damals eine durchaus deutsche Anstalt unter der Leitung des hervorragenden Direk­tors Galnbeck und mit vorzüglichen Lehrkräften. Später schrieb Johansen: „… zum Zeichnen hatte ich Talent und Lust…“, „…aber ich kam bald zu dem Entschluss, Theologie zu studieren“. Er schickte seine Zeichnungen an die Akademie der Künste und sie kamen so zurück, wie er sie abgeschickt hatte, also wurden sie von niemanden angeschaut. Im Juli 1853 fuhr er nach Dorpat und wurde an der Universität immatrikuliert. Seine Studienzeit dauerte bis 1858, nachdem er die theologischen Prüfungen abgelegt hatte, nahm er die Stelle als Hauslehrer im Haus vom Ba­ron Ungern-Sternberg-Annia an. Aber nach Weihnachten desselben Jahres (1858) fuhr Johansen nach St. Petersburg zu seinem Bruder und trat das praktische Probejahr bei Pastor Laaland in der estnischen Johannisgemeinde an. Im Sommer 1859 lernte er seine künftige Ehefrau Margot Busch – die Schwester seines Freunds Fritz Busch kennen. Das waren die Kinder von Eduard Heinrich von Busch. Am 18. September 1860 wurde E. Johansen in Moskau ordiniert, nachdem begab er sich alsbald ins Irkutsker Gouvernement, um die erste Gemeinde in Ryschkowo, 200 Werst westlich vom Omsk zu übernehmen. „Als ich nach Ryschkowo kam, war es ein richtiges Diebesnest. Da geriet ich also hinein und wurde gezwungen von den Leuten, das Richteramt zu übernehmen“, erinnerte sich der Pastor. Während seiner Amtszeit hat er die richtige Omsker Kolonie aufgebaut und vier Dörfer gegründet – für die lettischen, estnischen, finnischen Bauer und ein viertes für die finnischen Verbannten. Eduard Johansen heiratete am 20. November 1865 Margarethe Fanny Charlotte Busch (22.05.1842 – 03.04.1885) und fuhr zusammen mit ihr nach Sibirien. Ihr erstes Kind, der künftige Professor der Tomsker Universität Hermann Johansen (1866–1930) wurde am 27. Oktober 1866 in Omsk geboren. Siebeneinhalb Jahre lebte Pfarrer Johansen in Westsibirien, umkreiste die ihm anvertrauten Dörfer in seinem Bezirk und bediente die Gemeinden in ihren eigenen Sprachen – deutsch, estnisch, lettisch und finnisch. Ab dem 1. Juli 1868 war er zwei Jahre lang Pastor in Samara, sowie als erster ständiger Pfarrer in den Gemeinden der estnischen und deutschen Kolonien der Provinz Samara. In Samara wurde die Tochter Hedwig Elisabeth (1868–1885) geboren. Vom 1. Juli 1870 bis zum 20. April 1906 lebte E. Johansen Pastor in Twer, „und hatte auch das ganze Gouvernement und darüber hinaus zu bedienen“, und unterrichtete Deutsch und Religion an der Twerschen Mädchenschule. In Twer wurden Anna Luise (1872–1934), Alina Sophie Adelheid (1873–1960), Erika Sophie Leopoldine (1875–1953) und Walter Eduard (1880–1942) geboren. Im Wochenbett erkältete sich seine Frau Margot Johansen „und erkrankte an der Pleuritis, welche sich drei­mal wiederholte und den Tod herbeiführte, am 3. April 1885“, kurz nach dem Tod der ältesten Tochter Hedwig. Am 3. September 1886 kam auf Einladung des Witwers die Cousine seiner verstorbenen Ehefrau nach Twer, die Witwe des General-Superintendenten des Moskauer Konsistorialbezirks (1864–1875), Dr. Theologie Wilhelm Carlblom, Luise Carlblom (1827–1905), „um meinen unmündigen Kindern eine Mutter zu sein. Zwanzig Jahre hat sie meinem Hause vorgestanden und in den Herzen meiner Kinder ein unauslöschliches dankbares Andenken hinterlassen. Sie hat voll Mutterpflicht an ihnen geübt, und was sie geworden sind, ist ihrem tiefgreifenden Einfluss zu verdanken“, – schrieb Pastor später.

Nach seiner Pensionierung im Jahre 1906 holten ihn die Tochter Erika mit dem Schwiegersohn, dem Architekten Carl Schmidt zu sich nach Pawlowsk. In Twer blieb niemand mehr – die Kinder heirateten und verließen die Stadt, Luise Carlblom starb 1905. Pastor Johansen starb am 1. Juli 1912 in Kellomäki in Finnland (heute Komarowo bei St. Petersburg), wo Familie Schmidt ein Landhäuschen hatte: man hat sich nicht getraut, den 81-jährigen allein in der Obhut der Dienerschaft für den ganzen Sommer in Pawlowsk zu lassen. Beigesetzt wurde Pastor Johansen in der Familiengruft Schmidt in Pawlowsk.

Werke:

  1. AUS MEINEM LEBEN. Erinnerungen. Nachlass im privaten Archiv der Urenkelin E. Voigt in Berlin;
  2. REISE NACH DEUTSCHLAND. 1907. Tagebuch. Nachlass im privaten Archiv der Urenkelin E. Voigt in Berlin.

Quellen:

  1. Erik Amburger. Die Pastoren Der Evangelischen Kirchen Russlands: Vom Ende des 16. Jahrhunderts bis 1937. Ein biographisches Lexikon. Martin-Luther-Verlag, Erlangen; Verlag Nordostdeutsches Kulturwerk, Lüneburg, 1998, S. 367, Nr. 548;
  2. Erik-Amburger-Datenbank „Auslänsder im vorrevolutionären Russland (Фонд-картотека проф. Э.Н. Амбургера);
  3. Album Academicum der kaiserlichen Universität Dorpat. Bearbeitet von Arnold Hasselblatt, Dorpat, und Dr. Gustav Otto, Mitau. Тартуский Государственный университет. Тарту. Ülikooli üliopilaskonna Teatmik. Album Academicum Universitatis Tartuensis. Red. R. Kleis Dorpat 1889, S. 447, Nr. 6117;
  4. ПАСТОР ЭДУАРД ИОГАНЗЕН В СИБИРИ (Из истории немецкой лютеранской церкви в России): Фогт Эрика // Немцы в Санкт-Петербурге. Биографический аспект. XVIII–XX вв.: — СПб., 2013. — Вып. 7. — С. 177–186 – http://www.kunstkamera.ru/lib/rubrikator/03/03_05/978-5-88431-208-1/
  5. Erika Voigt, Heinrich Heidebrecht. Carl Schmidt ein Architekt in St. Petersburg 1866–1945. Verlag an der Wertach Augsburg, 2007, ISBN: 978-3-9811039-1-5;
  6. Эрика Фогт, Борис Кириков. Архитектор Карл Шмидт. СПб. Изд. «КОЛО», 2011, ISBN: 978-5-901841-81-5;
  7. Сибирская династия: три поколения семьи Иоганзен: Т.Б. Иоганзен-Рюбке // Журнал «Начало века»: — Томск, 2008/2. — С. 159–167 – http://elib.ngonb.ru/jspui/bitstream/NGONB/19077/1/2008-02.pdf

Dr. Erika Voigt (Berlin).



Дополнительные статьи и материалы:
  1. Dr. Erika Voigt: Eduard Heinrich Johansen – Ein evangelisch-lutherischer Pastor in Sibirien

Pastor Eduard Heinrich Johansen und seine Frau Margot, geb. von Busch.


Eduard Johansen. Kohlezeichnung: die Porträts von Goethe, Schiller,
Klopstock, Lessing, Uhland und Herder auf einem Blatt, angefertigt 1845-1847.


Das Pfarrhaus in Twer.


Das Lehrerkollegium am Gymnasium in Twer um 1890; obere Reihe, Mitte: Pastor Eduard Johansen.


Carl Schmidt und sein Schwiegervater Eduard Johansen in Pawlowsk im Frühjahr 1906.


Grabstätte der Familie Schmidt in Pawlowsk, wo auch Pastor Eduard Johansen im Jahre 1912
begraben wurde. Das Trauerband auf dem Kranz lautete: "Deine dankbare Twersche Gemeinde".